PIA HENKEL

NICHT RENNEN

„NICHT RENNEN“ ist ein aktuelles und fortlaufendes Fotoprojekt, das die Berliner Bäder-Betriebe dokumentiert. Die Berliner Bäderlandschaft ist geprägt von Vielfältigkeit wie keine zweite in Europa: Die Bandbreite reicht von historischen, denkmalgeschützten Bädern bis hin zu funktionalen Schwimmhallen und Leistungssportanlagen für Europa- und Weltmeisterschaften. Insgesamt gibt es 62 Schwimmbäder in Berlin und der Plan ist, alle davon in einem fotografischen Langzeitprojekt festzuhalten.
Als Schwimmer:in erlebt man in den Hallen verschiedene Situationen und besonders die überall hängenden Hinweis-Schilder mit „Fotografieren verboten“ ist ein Anreiz für die Fotografin Pia Henkel gewesen, genau dies zu tun. Aktuell sind elf Bäder fotografiert; der Fokus liegt auf leeren, ruhigen Bildern mit Blick auf die Architektur, aber auch auf die Details und unaufgeregten Ecken, um ein Gesamtbild jedes einzelnen Bades zu schaffen.
Im Laufe der Arbeit stellte sich heraus, dass die emotionale Stimmung der Orte wichtig ist. Die historischen Entwicklungen spielen ebenfalls eine große Rolle – das älteste Bad in Berlin beispielsweise ist das Stadtbad Charlottenburg aus den Jahren 1896-1898. Jeder Ort hat eine eigene Geschichte, was durch die jahrelange Teilung der Stadt unterstrichen wird. Der Ort an sich als Parallelwelt, um dem Alltag für eine kurze Zeit zu entfliehen – egal aus welchen Gründen. Diese Ruhe als Kontrast zur Welt außerhalb der Bäder soll in der Arbeit herausgestellt werden.

STEPHAN LUCKA

Das Gefühl, das nur wir kennen

Wenn man eine:n Pfadfinder:in fragt, was das Besondere daran ist, Pfadfinder:in zu sein, erhält man oft die Antwort „Es ist schwer zu beschreiben, ein Gefühl, das wahrscheinlich nur Pfadfinder:innen voll und ganz verstehen.“
Stephan Lucka kannte dieses Gefühl, denn er ist selbst in seiner Jugend Pfadfinder gewesen. Und er wollte sich diesem Unbeschreiblichen fotografisch nähern. Dazu kehrte er zu den Pfadfinder:innen zurück und tauchte noch einmal in diese, ihm aus Jugendtagen vertraute Welt ein – diesmal mit der Kamera.
Die Pfadfinder:innen sind die größte Jugendbewegung der Welt, etwa 46 Millionen Pfadfinder:innen gibt es weltweit, 260.000 davon allein in Deutschland. Die Pfadfinder:innen bilden ihren eigenen sozio-kulturellen Mikrokosmos, ein Mikrokosmos, der aber auch immer einen größeren gesellschaftlichen Kontext spiegelt. Was macht Pfadfinder:in sein für junge Menschen heute noch attraktiv? Wie besteht dieses Konzept in unserer beschleunigten, konsumorientierten und hochtechnisierten Welt?
Die Bilder versuchen eine visuelle Antwort auf die Frage zu geben, die für die meisten Pfadfinder:innen so schwer zu beantworten ist. Sie erzählen eine Geschichte über das Erwachsenwerden, über Freundschaft und Intimität, aber auch über Respekt und Rücksicht. Darüber, wie wir miteinander umgehen wollen, wie wir miteinander leben können.

KATHARINA KEMME

Jaydon ist ...

Anfang 2020 lerne ich den 17-jährigen Jaydon in Hamburg kennen. Er präsentiert sich als leidenschaftlicher Sänger, schreibt Songtexte, nimmt an Castingshows teil und hofft, irgendwann mal ein berühmter Musiker zu werden. Seitdem er mit seinen beiden Müttern und zwei kleinen Geschwistern in einen anderen Stadtteil am Rande von Hamburg umziehen musste, ist er kaum noch zu Hause. Die meiste Zeit verbringt er mit seinen Freund:innen in Eimsbüttel, wo er aufgewachsen ist und für immer bleiben möchte. Jaydon ist spontan und energisch, braucht ständig Leute um sich herum. In seinem Freundeskreis ist er das Bindeglied, das alle zusammenhält. Nebenbei hat er ständig wechselnde Affären mit Mädchen.
Über mehrere Monate begleite ich ihn und lerne seinen Freundeskreis kennen. Ich treffe mich mit ihnen auf Spielplätzen oder bin zu ihren Partys eingeladen. In dieser Zeit bekomme ich Jaydon’s verschiedene Charakterzüge mit. In der Gruppe inszeniert er sich, tanzt, singt und wird zum Mittelpunkt des Geschehens. Doch in unseren Gesprächen zu zweit wird er oft emotional und nachdenklich, gibt seine Ängste und Hoffnungen preis. Ein Jahr nach unserem ersten Treffen bricht er die Schule ab und zieht Zuhause aus – zurück in seine alte Wohngegend.
Mein Essay über Jaydon ist eine persönliche Geschichte über das Erwachsenwerden und eine Untersuchung über Selbstdarstellung und Identitätsentwicklung während der Teenagerjahre.

PATRICK JUNKER

Longcovid

Wir leben nun schon seit zwei Jahren mit der Corona-Pandemie. Bei etwa 10-20% der von Covid-19-Genesenen bleiben Symptome zurück, die ihre Lebensqualität stark beeinträchtigen. Auch Monate nach der akuten Krankheitsphase treten chronische Müdigkeit, Vergesslichkeit, Schmerzen, Geruchsverlust und ein ständiges Krankheitsgefühl auf. Was Experten heute wissen: Long Covid ist eine Multiorganerkrankung.
Doch es fehlt die Möglichkeit einer genauen Diagnose oder einer erfolgversprechenden Therapie. Dieses Projekt begleitet Menschen, die seit der ersten Welle der Pandemie an Langzeitfolgen ihrer Infektion leiden.

ANA MARIA SALES PRADO

O meu coração é seu

Ausgangspunkt der Arbeit „O meu coração é seu“ ist ein Bierdeckel, der von meinem Vater beschriftet wurde, um deutsche und brasilianische Schreibweisen meines Namens auszuprobieren. Für mein fotografisches Projekt treffe ich Menschen, die wie ich ein deutsches und ein brasilianisches Elternteil haben. Meine Auseinandersetzung mit dem Thema eröffnet ein vielschichtiges Netz an Fragen, Geschichten und uneindeutigen Assoziationen – auf inhaltlicher sowie auf visueller Ebene. Wie kann ich über Identität sprechen und Assoziationen hervorrufen, ohne Klischees zu reproduzieren? Gibt es überhaupt gemeinsame Erfahrungen und wie kann ich sie visuell darstellen?
Mit Pedro, Clara, Franziska, Marilena und Simon spreche ich über unsere Namen und Geburtsorte, Flugreisen und (Mutter)Sprachen, doppelte Zugehörigkeiten und Nichtzugehörigkeit, Exotisierung von Körpern und Romantisierung von Objekten, Popkultur und Politik, die Suche nach einer Community und der Abgrenzung von einer vorgegebenen Identität. Ein wichtiges Thema dabei ist die Wahrnehmung unserer Körper an unterschiedlichen Orten: Wie verschieben sich unsere Privilegien in dem jeweiligen Land? Die Wahrnehmung dieser Machtstrukturen wird begleitet von Identitätsfragen, die emotional und persönlich sind und oft ein kompliziertes und ambivalentes Verhältnis zur eigenen Selbstwahrnehmung erzeugen.

MARCEL HAUPT

SILENCE. THE FLAME. MUTED.

SILENCE. Das olympische Feuer ist wichtig, es ist eines der bedeutsamsten Symbole. Das Feuer steht für den olympischen Geist und für die Völkerverständigung. Im Jahr 1964 wurden in Tokio die Olympischen Spiele eröffnet, sie werden heute als Wendepunkt des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit für die japanische Geschichte und Gesellschaft angesehen. Der Blick der Welt auf das Land war ein besonderer. 58 Jahre später stehen Themen wie Wiedergeburt und Resilienz erneut im Fokus des inneren und äußeren Blickes auf Japan. Die Jahre 2020/21 der XXXII. Olympiade symbolisieren für Japan und die Megametropole Tokio die Widerstandsfähigkeit einer Weltgesellschaft inmitten einer globalen Pandemie.
Bilder, Texte, Tondokumente, ein Buch sowie eine digitale App als Erweiterung des analogen Ausstellungsraumes sind wichtige Bestandteile dieser transmedialen Narration mit einer ungewohnten Sicht auf Emotionen sowie einsame und banale Momente dieser Olympischen Spiele im Jahr 2021 in Tokio – die anders waren.
THE FLAME. MUTED.

SAMANEH KHOSRAVI

Banoo

Die Arbeit „Banoo“ thematisiert die Stellung von Frauen in der heutigen iranischen Gesellschaft. Ihr Aufstieg in der Wissenschaft und der Arbeitswelt hinterlässt einen Eindruck in einer von Männern dominierten Gesellschaft – Frauen haben sich inzwischen auch außerhalb der eigenen vier Wände Respekt verschafft.
Um einen Einblick in die Situation von Frauen im Iran und ihr Selbstverständnis zu gewinnen, habe ich für diese Fotoserie Protagonistinnen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und Orten Irans in ihrem Alltag begleitet und näher kennenlernen dürfen. Sie erzählten Geschichten darüber, wie sie als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft wahrgenom- men wurden und mit welchen Hindernissen sie in ihrem Alltag konfrontiert waren.
Wie viele andere Frauen im Iran leisten die von mir Porträtierten einen wichtigen Beitrag zur iranischen Gesellschaft, ebnen den Weg für kommende Generationen und prägen die Zukunft ihres Landes. Banoo ist ein respektabler Beiname für Frauen und bedeutet Dame.

MARTIN DE CRIGNIS

Tell me I’m manly, tell me I’m pretty

Die Arbeit „Tell me I’m manly, tell me I’m pretty“ zeigt Bilder des männlichen Körpers und hinterfragt dabei die stereotype und wenig bewegliche Darstellung des männlichen Körpers in der zeitgenössischen Populär-Fotografie, den sozialen Medien und der Werbung. Ausgehend von der Bodybuilding-Fotografie der 1950er und 1960er Jahre wirft die Arbeit die Frage auf, welcher Körper als schön wahrgenommen wird und warum diese Schönheit nur in Abgrenzung von oder Anlehnung an ein sehr starres Ideal existiert, das immer mehr zum visuellen Normativ wird.

SARAH RUHOLL

Rabbit Hole – you made a fool out of me and took the skin off my back running

Das weibliche Geschlechtsorgan hat viele Namen: Vagina, Scheide, Muschi, Möse, etc. Eigentlich Vulva genannt, bezeichnet es die Gesamtheit der äußeren primären Geschlechtsorgane und besteht aus dem Venushügel, den Schamlippen und der Klitoris.
In ihrer fortlaufenden Studie „Rabbit Hole – you made a fool out of me and took the skin off my back running” setzt sich Sarah Ruholl mit der Wahrnehmung des Körpers auseinander – insbesondere mit der des weiblichen Geschlechts. Durch die Transformation materieller Objekte zu immateriellen im Innen- und Außenraum lässt sie die Grenzen der Realität ihrer Umgebung ineinander übergehen und stellt sich so der Frage nach der Transzendenz von Gegenständlichkeit.
Die Arbeit setzt sich unter anderem zusammen aus Werken, die sie im öffentlichen Raum installiert hat, sowie deren dreidimensionaler Verbildlichung im Sinne von Augmented Reality und 3D-Skulpturen.

RONJA HERMANN

SEIN – a contemporary interpretation of the Venus figurines

Meine Arbeit „SEIN – Eine zeitgenössische Interpretation der Venusfigurinen“ ist inspiriert von bis zu 40.000 Jahre alten Frauenfigurinen – es sind die ältesten Darstellungen des menschlichen Körpers. Über den Zweck der Frauenfiguren gibt es viele Theorien. Dies öffnet die Tür für meine eigene Interpretation.
Losgelöst vom stereotypen Verständnis der physischen Erscheinungsbilder einer Frau experimentiere ich mit der reinen Form des weiblichen Körpers. Durch Abstraktionen und Spiegelungen wird der Körper zu einer sich ständig wandelnden Skulptur. Dabei liegt der Fokus auf der Ästhetik weiblicher Formen und Texturen. Die Weiblichkeit steht hierbei im Dialog mit den Elementen Erde, Wasser und Luft, ohne die kein Leben möglich wäre.