SIOUZIE ALBIACH

ON THE EDGE

2018—

On the edge ist eine fotografische Serie, die 2018 in Japan am Stadtrand von Kyoto entstand. Auf ihren Streifzügen durch die umliegenden Hügel und Dörfer interessierte sich die Fotografin für verlassene Areale und ambivalente Stimmungen, für die Grauzonen zwischen Stadt und Land und für Orte, die verlassen zu sein scheinen obwohl sie bewohnt sind. Die Serie beschreibt einen Schwebezustand zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. On the edge ist ein kontemplativer Blick auf ein bestimmtes Stadtrandgebiet und zugleich eine sensible, persönliche Auseinandersetzung mit Japan, oszillierend zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

JASPER BASTIAN

I NEVER SAW THIS LAND BEFORE

2017—

In einem Zeitalter, in dem die gesamte Erde kartografisch erfasst, kategorisiert und durch lineare Grenzen geteilt zu sein scheint, versucht I Never Saw this Land Before die grundlegenden Bestandteile von Territorium zu dekonstruieren. Eine der frühesten Aufgaben der Fotografie war das Erfassen bislang unerforschter Landstriche. Auf diese Funktion rekurriert die Arbeit, indem sie die Wechselwirkungen verschiedener Zeichen untersucht, die für das Entstehen von Territori­alität, von Raumaneignung und -nutzung ursächlich sind. Auf spielerische Weise werden hierzu Fiktion und Realität miteinander verschmolzen und mit Hilfe von Markierungen, Zeichen und Gesten ein eigenes Territorium in einer noch unberührten Landschaft geschaffen.

YUE CHENG

MIRAGE

2019—

Die Kasinos der Stadt, umgeben von Geschäften, Kinos, Hotels und Restaurants, präsentieren sich als zeitlose, unveränderliche Räume, jenseits von Tag und Nacht. Fontänen und Kolonnaden künstlicher Bäume, eine stets gleichbleibende Raumtemperatur und die immer gleiche Tonspur: die Mechanismen des Konsums spiegeln sich bis in die hintersten Winkel dieser Räume wider, kein Besucher kann sich ihnen entziehen. Dieser gigantische Spielplatz, isoliert von der restlichen Welt, blendet durch seine Brillanz und erzeugt Schwindelgefühle. Moralische, ästhetische oder kritische Ansätze laufen ins Leere und lassen einen mit einem schalen Gefühl zurück.

VICTOR DROUINEAU

GEOGRAPHY OF VARIATIONS

2020

An einem Ort, an dem die Gegenwart endlos anzudauern scheint, greift das fotografische Prinzip der Sequenz ein und unterbricht den kontinuierlichen Fluss der Zeit. Geography of variations ist eine Serie in fragmentarischer Form über das Verhältnis von Zeit, Raum und fotografischem Moment. Das geologische Chaos der vulkanischen Aktivität stellt sich als gleichbleibender Zustand einer Ruinenlandschaft dar. Durch seine Herangehensweise zeichnet das Projekt einen kleinen Abschnitt der geologischen Zeitskala nach und wird selbst zu einer Art poetischer und visueller Archäologie.

QUENTIN FAGART

3 POR 10

2019

Die Fotografien dokumentiert die Vorbereitungen zum brasilianischen Karneval in Recife, nur einen Monat nach der Amtseinführung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro Anfang 2019. In einer Region, die traditionsgemäß die Politik Lulas unterstützte, war dieser erste Karneval eine Gelegenheit, die Sorgen des täglichen Lebens zu vergessen, und darüber hinaus ein geeigneter Vorwand, um eine massive Ablehnung des extremistischen Präsidenten und seiner ultrakonservativen patriarchalischen Werte zum Ausdruck zu bringen. Die Serie 3 por 10 wechselt zwischen Momentaufnahmen und inszenierten Porträts, in einer Kombination, die sowohl die Essenz des Ereignisses als auch das Umfeld beschreibt.

MAGDALENA GRUBER

MITTWEGS

2019

Isoliert auf einer Art schwimmenden Insel in Form eines Segel­schiffes, ohne Kontakt­möglichkeit zur Außenwelt, ist die Fotografin mit den eigenen Erwartungen an den Mythos der Seefahrt konfrontiert. Die anhaltende Monotonie des täglichen Wachwechsels und getakteten Tages- und Nachtrhythmen inmitten endlos weiter Wellenberge erzwingen die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung. Das eigene Gefühl von Freiheit bedarf neu definiert zu werden, ob dieses ständigen Konflikts von Enge und Weite. Die Frage nach der vermeintlichen Realität des Erlebten drängt sich auf, Romantisierung und Verklärung setzen schon bei Landfall ein. mittwegs ist die Auseinandersetzung mit einem Kindheitstraum.

JANN HÖFER

DAS PROBLEM SIND DIE SONNTAGE

2020

Das Problem sind die Sonntage zeigt das, was nicht mehr da ist, indem es abbildet, was geblieben ist und erinnert. Es versucht zu dokumentieren, was durch ein Nicht-mehr-Vorhandensein geprägt ist. Das Projekt ist eine fotografische Annäherung an die Gefühlswelt, die entsteht, wenn eine Person einen schweren Verlust erlitten hat. Diese ist absolut subjektiv und im stetigen Wandel. Alltägliches kann emotional stark aufgeladen werden und eine eigene Bedeutung bekommen. Circa 500.000 jung verwitwete Menschen gibt es laut statistischem Bundesamt in Deutschland. Gezählt wurden die verheirateten unter 60‑Jährigen, die ihre Partner*in verloren haben. Die Unverheirateten tauchen in der Statistik nicht auf. Gemeinsam ist ihnen, dass ein Teil des Paares plötzlich allein zurückbleibt: Mit der Trauer, den gemeinsamen Aufgaben, dem Unerfüllten.

LUISE JAKOBI

DESIRE

2017

Desire begann 2017 mit einem Experiment auf der Dating-App Lovoo, in dessen Rahmen ein Profil für eine weiblich aussehende Schaufensterpuppe angelegt wurde. Das Profil wurde mit Bildern gespeist, die erst bei näherer Betrachtung die Künstlichkeit der Puppe offenbarten. Im Verlauf dieses Versuchs gingen mehr als 80 an dieses Profil gerichtete Nachrichten ein, von denen einige zusätzlich mit einer online frei zugänglichen Chatbot-Software beantwortet wurden. Die so entstandenen Dialoge, die gesammelten Nachrichten sowie Fotografien von Puppe und Mensch bilden den Kern der Arbeit. Desire thematisiert so das Spannungsverhältnis von Erwartung und Realität, von Fantasie und Projektion. Gleichzeitig werden Status quo und Zukunft von Sexualität, Romantik und Partnerschaft im 21. Jahrhundert hinterfragt.

KATHARINA KEMME

DAVID ROBIN

2020

David (17) und Robin (15) sind beste Freunde. Beide sind in Herne, Nordrhein-Westfalen, aufgewachsen und kennen sich seit der zweiten Klasse. Nachdem sie zusammen einen Kleider­con­tainer in Brand gesetzt hatten, wurde ihnen jeglicher gemein­same Kontakt durch ihre Eltern verboten. Trotzdem treffen sie sich regelmäßig auf den Straßen von Bochum und Herne. Sie schnorren Zigaretten, streiten sich, hören laut Musik, vertragen sich wieder und entdecken ihnen bisher unbekannte Ecken der Stadt. Fast immer zu zweit. Die fotografische Arbeit David Robin begleitet die beiden Freunde über den Zeitraum mehrerer Monate und porträtiert die Freundschaft der Jugendlichen mit allem, was sie ausmacht: Die Streitereien, die Eifersucht, aber auch ihre gegenseitige Abhängigkeit und die Versuche der Selbstbehauptung der Jungen.

HAMON NASIRI HONARVAR

LAND OF FIVE WATERS

2018—

Die dokumentarische Arbeit Land of Five Waters untersucht die Landwirtschaft in den Baumwoll- und Reisanbaugebieten im indischen Bundesland Punjab. Dokumente, Interviews und Kartenmaterial bilden hierbei das historische Fundament für eine fotografische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Grünen Revolution der 1960er Jahre. Dieser landwirtschaftliche Umschwung war maßgeblich gekennzeichnet von Mechanisierung und dem Einsatz von Hochertragssorten, Düngern und Pestiziden. Die Protagonisten sowie die kulturellen und geographischen Besonderheiten werden multimedial aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Die fotografische Ebene ist geprägt von der Wechselwirkung zwischen Porträt- und Dokumentarfotografie und der damit einhergehenden Konstruktion subjektiver Wahrheit in der heutigen Krisenberichterstattung.

YOUNGSUK NOH

2 WEEKS

2019

Manche nennen sie ‚Magie‘, manche bezeichnen sie schlicht als‚ die Tage‘. Die Hälfte der Weltbevölkerung erlebt sie regelmäßig, die andere Hälfte nie: die Menstruation. Sie kommt mit Schmerzen, verändertem Appetit, gleißender Wut oder tiefem Leid. Menstruierende Personen bluten regelmäßig – unabhängig von ihrem Willen – und werden sogar emotional von ihrer Periode bestimmt. Es scheint, als würde noch jemand in ihren Körpern hausen. Der Uterus führt ein Eigenleben. Für viele ist es außerdem normal, ihre Menstruation zu verheimlichen. 2 Weeks beschreibt den Bruch mit diesem Geheimnis, zeigt die Erfahrungen einer Frau, die offen mit ihrer Periode umgeht und mit verschiedenen Menstruations­produkten experimentiert. Die fotografische Arbeit ist außerdem eine persönliche Erzählung über die mit Menstruation verbundenen Gefühle und Erlebnisse und über dieses fremde Wesen, das in menstruierenden Körpern haust.

ROBIN PLUS

ALL EYES ON US

2020

All Eyes On Us beschreibt das Universum einer Generation wie nach einem Drogenrausch, wenn die Grenzen zwischen Gender, Zeit und Raum verschwimmen. Das Projekt zeigt die Freund*innen des Fotografen, deren Leben sich zwischen Clubs, besetzten Häusern und städtischen Brachflächen abspielt. Dargestellt wie Göttinnen der Nacht, die durch verwahrloste städtische Umgebungen schweben und gleichzeitig Opfer der fortschreitenden Globalisierung und der Uniformität der Großstädte sind. In diesem Spannungsfeld offenbart sich all ihre Verletzlichkeit. Die Serie All Eyes On Us findet ihre Inspiration im Werk von Wolfgang Tillmans und in dem Roman „Generation X“ von Douglas Coupland.

ANA MARIA SALES PRADO

FOREVER

2019—

Forever ist ein Projekt über Frauen und ihre tätowierten Körper jenseits der üblichen Standards von Schönheit und Repräsentation. Für die Teilnehmerinnen an diesem Projekt – und auch für die Fotografin – ist eine Tätowierung ein gewünschter ästhetischer Eingriff und gleichzeitig eine Möglichkeit zur Selbstbestimmung und körperlichen Autonomie. Bei den jeweiligen Treffen mit den 12 Teilnehmerinnen wurde über die Bedeutung von Tätowierungen als ‚self care‘ und politischen Widerstand gesprochen. Wie der Name Forever bereits betont: Tätowierungen bleiben für immer. Das bedeutet aber auch, dass sie sich in ihrer Farbe, Größe, Form und Elastizität verändern.

ADRIEN VARGOZ

SOLSPEILET

2020

Rjukan, eine ehemalige Industriestadt im norwegischen Hinterland, liegt in einem schmalen Tal, das während des gesamten Winterhalbjahres vom Tageslicht abgeschnitten ist. 2013 wurde auf einem der Berghänge ein Heliostat installiert. Diese Apparatur macht – neben einigen anderen Besonderheiten des Ortes – seine Einzigartigkeit aus. Die Fotografien enthüllen nach und nach Details einer Landschaft, die durch das Phänomen stetiger Dunkelheit geprägt ist. Aus den Schichten der Bildoberfläche scheinen verdeckte Spannungen, Beziehungen und Erinnerungsfragmente wachgerufen zu werden.